Fremdenfeindlichkeit in Krefeld
Ann-Katrin roscheck

Ann-Katrin roscheck

persönlicher Kommentar

Kein Teufel mit roten Hörnern - Fremdenfeindlichkeit ist unter uns

Vier Tage nach Hanau. Sechs Tage nachdem die AFD fremdenfeindliche Malbücher in Krefeld verteilt hat. 18 Tage nach der Wahl in Thüringen, bei der die Christlich Demokratische Union mit einer offensichtlich rechtsradikalen Partei koaliert hat. Und unzählige Gespräche mit Freunden und mit Kollegen später. Mein Gefühlschaos wird immer größer.

Sandra Franz aus der NS-Dokumentationsstätte sagte mir beim Mittagessen „Da hast du doch manchmal das Gefühl, dass all deine harte Arbeit der letzten Jahre sinnlos ist.“
Mein türkischer Stammkiosk-Besitzer (Jurist) scherzte „Du berichtest doch, wenn mir sowas passiert oder? Könnte ja auch in Krefeld irgendwann so weit sein.“
Und eine sehr linkorientierte Freundin meinte in der Diskussion „Ihr Medien seid doch auch daran schuld, was da passiert.“
Ja, das hat mich getroffen. Alle drei Sätzen gleichermaßen.

Und wenn es nur die eine Veränderung ist, es lohnt sich immer – Laut bleiben!

Zum ersten Satz: Ich möchte nicht, dass wir in einem Land leben, in dem wir uns hilflos gegenüber Nazis und Rechtsradikalen fühlen. Deren Dreistigkeit uns die Handlungsfähigkeit und die Sprache nimmt und an uns zweifeln lässt, ob das, was wir tun, ausreicht. Ich habe genau wie Sandra in ihrem kurzen Down oft das Gefühl, dass ich mich in einer Blase bewege und die Menschen, die um mich rum sind, eh die richtigen Grundwerte und Einstellungen haben. Wir sind so bunt, wir sind so international, wir lieben so viele unterschiedliche Menschen auf so unterschiedliche Arten und Weisen, wir sind m / w / d. Aber heißt das, dass wir keinen Einfluss darauf nehmen können, was außerhalb der Dunstblase passiert? Ich fühle mich oft hilflos, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich mit dem, was ich tue, außerhalb meiner Blase jemanden erreiche. Aber Sandra meinte am Ende „Und wenn´s einer ist, den wir beeinflussen können, dann hat es sich gelohnt.“ Ja – daran müssen wir festhalten. Es lohnt sich immer, für seine Werte einzustehen.

Fremdenfeindlichkeit ist unter uns - Hingucken!

Zum zweiten Satz: Ich liebe meine Stadt. Ich liebe es, dass mit dem türkischen Kioskbesitzer seit fast zehn Jahren eine Bekanntschaft besteht. Ich liebe es, dass die Jungs aus dem afrikanischen Telefonladen neben mir, mich immer verteidigen würden, wenn ich nachts nach Hause komme und angeprollt werde. Ich liebe es, dass ich im syrischen Lebensmittelgeschäft immer einen Schokoriegel umsonst bekomme, wenn ich dort einkaufen gehe. Ich liebe es, dass ich den besten Vietnamesen direkt um die Ecke habe.

Aber vor einigen Wochen habe ich auch die AfD mit einem Wahlstand vor dem Schwanenmarkt gesehen und war geschockt über die ganz „bürgerlichen“ Gesichter, die ich hier sah. Es sind keine Teufel mit roten Hörnern, sondern es sind Menschen, die aussehen wie du und ich. Der Nachbar, der Kollege, der Sportpartner, der ehemalige Klassenkamerad, der Autoverkäufer. Und ja, nicht jeder Einzelne aus der AfD ist gewaltbereit, aber all diese Zitate stammen aus Reihen der AfD.

„Wir sollten eine SA gründen und aufräumen.“  – Andreas Geithe.

„Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet.“  – Markus Frohnmaier.

„Solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen.“  Petr Bystron.

Hier geht es um genau das, was mein türkischer Kioskbesitzer beschreibt: Hier arbeitet eine Partei auf das Ziel hin, Menschen auszusortieren. Und das, was da in Hanau passiert ist, ist genau das. Eine eigenhändige Aussortierung eines Rechtsradikalen. Ja, Hanau könnte Krefeld sein. Hanau könnte aktuell jede einzelne Stadt in Deutschland sein. Das macht mir so unglaubliche Angst.

Tragen wir als Journalist eine Mitschuld an Hanau? - Verpflichtungen bewahren!

Zum dritten Satz: Trage ich als Journalist eine Mitschuld an dem, was gerade in Deutschland passiert? Ich habe viel darüber nachgedacht, ich habe viel darüber gelesen. Und ich glaube, dass ich individuell keine Schuld trage, aber wir Medien schon. Ich habe zuletzt mehrmals in Form von Kommentaren in den Sozialen Netzwerken darauf hingewiesen, dass ich finde, dass einige in der Medienlandschaft nicht mehr ihrer Pflicht nachkommen. Unsere Pflicht ist eine wertfreie Berichterstattung, die unterschiedliche Meinungen aufzeigt. Und die auch unsere eigene Meinung zeigen kann, die wir aber für den Leser oder den Zuhörer als diese kennzeichnen müssen.

Zwei negative Beispiele einer Tageszeitung führe ich in diesem Zusammenhang immer wieder auf. Ein Flüchtling wird in einem Artikel bezichtigt, die Stadt „42.000 Euro im Monat zu kosten“. Die Aufmacherseite auf dem Lokalteil widmet sich auf einer ganzen DIN-A3-Seite den Klagen einer Augenarztpraxis, die sich beschwert, dass Obdachlose im Parkhaus rumlungern und fixen. Und ja, wenn wir Themen so behandeln, wenn wir Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen in unseren Medien so einen Raum geben, wenn wir einseitig berichten und über „die bösen Bettler und Obdachlose“ schreiben statt uns die Frage zu stellen, warum ein Mensch in einem Parkhaus Schutz suchen muss, ja, dann tragen wir eine Mitschuld an Hanau.

Was kann ich selbst tun, um mich in der Presse im Rahmen meiner journalistischen Verpflichtung anders zu positionieren? Die Frage habe ich mir immer wieder gestellt und sie schon vor Monaten für mich beantwortet: Ich kann Themen platzieren, die Toleranz und Aufklärung transportieren. Ich kann über die Geschichte des Heroinabhängigen schreiben und darauf aufmerksam machen, dass hinter jeder Sucht eine Persönlichkeit steht. Ich kann den Geflüchteten porträtieren und zeigen, wie wichtig seine Fähigkeiten für Betriebe in meiner Heimat sind.  Ich kann Zeitzeugen interviewen und immer wieder die furchtbaren Schicksale aus der NS-Zeit journalistisch erzählen, damit sie bloß nicht vergessen werden. Ich kann hinschauen, wie ich schreibe, welche Zitate ich vielleicht besser auslasse und welche ich in meinem Text noch einmal stilistisch hervorhebe.
Und ja, liebe Kollegen, was meint ihr – ist es nicht unsere Pflicht, dass wir das alle tun, in Zeiten, wie diesen?

Was tust Du gegen Fremdenfeindlichkeit? - REAGIEREN!

Der Beginn des Jahres zeigt uns, dass niemand von uns, den Guten, noch stumm zuschauen kann. Bitte fragt euch individuell, was ihr gegen Fremdenfeindlichkeit in eurem Leben tut. Schreitet ihr ein, wenn ihr im Alltag, selbst im Freundeskreis, eine fremdenfeindliche Bemerkung hört? Setzt ihr euch für Bildungsarbeit ein? Findet ihr eine demokratische Partei gut, die ihr mit eurer Parteimitgliedschaft in der Durchsetzung ihres Wahlprogrammes unterstützen könnt? Habt ihr Zeit, auf eine Demo zu gehen? Jedes Engagement ist individuell, jedes Engagement kann anders aussehen. Aber bitte lehnt euch nicht zurück und macht nichts, sondern tut etwas. Denkt an euren türkischen Fussballkollegen. An eure lesbische Klassenkameradin. An euere Lieblingsrestaurant.

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